Urheberrechtsreform

Die geplanten Änderungen der Urheberrechtsreform auf EU-Ebene sind Gift für Medienstartups

Im aktuellen Prozess hin zu einem neuen, reformierten Urheberrecht für (digitale) Inhalte läuft Einiges schief – auch aus Sicht eines Medienstartups. Es ist schwer geworden zwischen all den Meinungen den Überblick zu behalten. Wir stellen uns aus folgenden Gründen gegen die jetzt geplante Reform, wollen aber betonen, dass das Urheberrecht reformiert werden muss.

Gegen eine Urheberrechtsreform stellen wir uns nicht – ganz im Gegenteil! Es wurde für eine analoge Welt geschaffen. Jedes Werk ist darin automatisch urheberrechtlich geschützt. Das nennt sich „automatische Schöpfungshöhe“. Aber: Früher konnte kein Werk einfach, schnell und unkompliziert vervielfältigt werden. Es brauchte Drucker, Druckpressen, Vinylpressen, Lektoren, Verlage, CD-Brenner, Logistik- & Vermarktungsmaschinerie, Medien die Öffentlichkeit schafften, und und und, um in Folge ein Werk zu vermarkten. In der digitalen Welt ist jeder Moment sofort für (fast) die ganze Weltöffentlichkeit zugänglich. Alles wird potentiell gefilmt, fotografiert, audiofiziert und sofort hochgeladen, kommentiert, geliked, geshared oder verlinkt. Eine potentiell unendliche Menge Inhalte entsteht, welche die Ersteller oft gar nicht beabsichtigten zu vermarkten – falls doch: Weiterlesen.

Alternative

Aus unserer Sicht wäre daher eine Reform sinnvoll, in Folge derer urheberrechtliche Werke registriert werden müssten und damit rechtssicher von Plattformen vermarktet werden könnten. Alle Beteiligten würden einen fairen Anteil des Vermarktungserlöses erhalten. Entscheidet sich ein Urheber erst später für eine Vermarktung, lassen sich auch dafür Regeln finden. Steuern könnten erhoben und Verstöße eindeutig geahndet werden. Das wäre aus unserer Sicht sowohl technisch als auch personell machbar und würde Gefahren vermeiden, die durch die aktuelle Reform bestehen.

Warum ist die Reform für uns problematisch?

Wir haben stets zwei Hüte auf:

1. Plattformanbieter einer Software für digitale Wissenslandkarten.

Das ist Knowledgemanagement mit Mindmaps, die mit multimedialen Inhalten gefüllt werden können – damit Nutzer komplexe Themen besser verstehen. Jeder, der komplexe Inhalte in seiner vernetzten Struktur abbilden möchte, (= alle unsere Kunden) kann mit unserer Software solche Wissenslandkarten erstellen und mit multimedialen Inhalten befüllen. Mit Text, Bildern, Videos, Audios und interaktiven Elementen. Aktuell weisen wir in unseren AGBs darauf hin, dass wir für diese Inhalte keine Verantwortung übernehmen können, da wir diese nicht im Einzelfall auf Urheberschaft prüfen können. Das würde schlicht unsere Kapazitäten übersteigen, sowohl personell als auch technisch. Die aktuelle Reform sieht vor, dass wir aber für die Inhalte Aller, die auf unsere Plattform hochladen, verantwortlich wären.
Nun mag man einwenden, dass wir ein noch kleiner Plattformanbieter sind, der unter die Ausnahmen fällt. Da wir jedoch bereits bald unseren vierten Geburtstag feiern, fallen wir wohl doch darunter. Die Grenzen sind aktuell leider eher vage formuliert und da sind wir dann doch lieber vorsichtig. Daher gehen wir prophylaktisch davon aus, dass wir betroffen sind. Die EU-Reform würde vorschreiben, dass wir als Plattform für die Klärung der Urheberrechte jeden Inhalteschnippsels verantwortlich wären – auch von fragmentartigen Textauszügen. Angestellte oder technische Systeme, die die Aufgaben der Urheberrechtsfragen übernehmen, haben wir nicht und können sowohl das eine als auch das andere nicht leisten.

2. Publizisten von „Der Kontext“ – digitales Hintergrunddossier.

Als Herausgeber von „Der Kontext“, einem Hintergrunddossier für aktuelle Themen, sind wir selbst die Urheber und/oder Rechteinhaber aller Texte, Videos, Grafiken und interaktiven Elemente. Jedoch: Wir verlinken sehr viel auf Primär- und Sekundärquellen, meist mit einem kurzen Abriss dessen, was den Leser hinter dem Link erwartet. Diese Links sehen wir als Ergänzung zu unseren Texten für mehr Transparenz. Wir wollen einen Mehrwert für den Leser schaffen, indem dieser auf bereits vorhandene, gute Inhalte hingewiesen wird, die unser journalistisches Angebot erweitern. Laut Artikel 11 des neuen Urheberrechtsgesetzes müssten wir gegebenfalls für diese Links Geld an die ursprüngliche Quelle bezahlen – dafür, dass wir einen Leser dorthin schicken. Das wäre ungefähr so, als würde während des Oktoberfests ein Taxifahrer einen Wirtshausbetreiber dafür bezahlen, dass er ihm Kundschaft bringt, die nach einem guten Tipp für ein Restaurant fragt. Unserer Meinung nach sind gerade Links eine große Bereicherung für Inhalte. Originalquellen können schnell und einfach aufgezeigt werden, Glaubwürdigkeit wird hergestellt und Fakes schnell entlarft – denn alles ist nachvollziehbar.

In beiden Fällen:

Unsere Arbeit ist potentiell direkt negativ von der Reform betroffen und daher stellen wir uns dagegen. Dies tun wir, da wir in ihr keine Verbesserung des Urheberrechts für sowohl Inhalteersteller als auch kleine Plattformbetreiber sehen. Wir plädieren für eine Reform, die dem Wesen des Internets gerecht wird – der Alternativvorschlag (siehe oben) ist dabei nur eine Möglichkeit.

P.S.: Wir versuchen unser Digitalunternehmen ohne Investoren selbst aufzubauen, treiben Innovation voran, tun dies hier in Deutschland und zahlen somit hier Steuern und Sozialabgaben. Das machen wir gerne, denn ohne öffentliche Unterstützung (EXIST, Media Lab Bayern, MIZ) hätten wir unser Konzept nicht in die Realität umsetzen können. Für diese Stellungnahme haben wir keine Zuwendungen großer Internetkonzerne erhalten oder wurden von irgendjemandem unter Druck gesetzt. Wir sind nicht mit den Internetkonzernen verbunden und wir fühlen uns diesen auch nicht verbunden. Unserer Meinung nach muss schleunigst eine Digitalsteuer her, damit die großen Internetkonzerne ihren angemessenen Teil dazu beitragen, dass hier Kindergärtner/innen bezahlt werden und Straßenlaternen leuchten.

Linktipps (ohne Kommentare):
https://neunetz.com/2019/03/21/das-vice-interview-und-andere-aussagen-von-axel-voss-kommentiert/
https://uebermedien.de/36090/haben-us-konzerne-mit-twitter-bots-die-eu-urheberrechtsdebatte-beeinflusst/
https://www.vice.com/de/article/vbw8zy/streit-um-uploadfilter-und-artikel13-wie-axel-voss-das-internet-sieht

Titelbild: Patrick Tomasso auf Unsplash