Wie ich lernte die Komplexität zu lieben

Dieselskandal, GroKo, Fake News – einfache Begriffe für große Komplexe. Die zu beschreiben, bräuchte Hunderte von Zeichen und würde Leser*innen noch mehr Konzentration abverlangen, als sie ohnehin schon investieren, wenn sie Artikel lesen oder Videos sehen. Deswegen benutzen wir Journalist*innen diese Begriffe. Denn auch wenn sie plakativ wirken mögen (hierzu später noch mehr), sind sie eines von vielen Mitteln, mit denen wir Komplexität reduzieren und die uns dadurch helfen unseren Kernaufgaben nachzukommen:

  1. Relevante Informationen finden, aufbereiten und verbreiten
  2. einen Beitrag zur Meinungsbildung leisten
  3. Menschen und Systeme mit Macht kritisieren und kontrollieren.

Denn aus diesen Aufgaben daraus ergibt sich nicht “nur” der Anspruch, dass wir Journalist*innen objektiv und unbhängig arbeiten müssen. Egal ob wir mit Worten arbeiten, wie zum Beispiel ich für den Kontext, oder mit Datensätzen, Grafiken und Fotografien: Wir müssen Schwieriges, Dinge, die wir selbst oft erst im Verlauf der Recherche begreifen, so erklären, dass es (fast) jede*r versteht.

Ernst Elitz, Urgestein des deutschsprachigen Journalismus: “Qualität ist, wenn der Leser nach der Lektüre sagt: „Ich habe verstanden!“”

Wir berichten über die Hintergründe von Wirtschaftssanktionen, über die Zusammenhänge in der Digitalgesetzgebung, über Vielschichtigkeit im Transfermarkt des Profifußballs. Dabei müssen wir die Themen so aufbereiten, dass unser Publikum sie in kürzerer Zeit versteht als wir selbst. Denn im Gegensatz zu uns werden Sie vermutlich nicht dafür bezahlt, sich damit auseinanderzusetzen. Stattdessen müssen Sie nach dem kurzen morgendlichen Blick in Ihren Newsfeed eine Horde Jugendlicher unterrichten, im Amt Anträge bearbeiten oder den Kran auf der Baustelle bedienen, ohne jemanden zu verletzen. Komplexität zu reduzieren ist deswegen eine unserer Kernaufgaben – und vielleicht die größte Herausforderung.

Das System

Es gibt nicht die Komplexität, sondern immer nur die Komplexität von etwas, etwa von unserem politischen System (wenn wir groß denken), von unserem Ökosystem (wenn wir noch viel größer denken) oder vom neuen Tarantino-Film (wenn wir kleiner, dafür aber blutiger denken). Der Soziologe und Gesellschaftskritiker Niklas Luhmann hat solche Systeme genau untersucht. Runtergebrochen – also komplexitätsreduziert – hat er festgestellt: Die Komplexität eines Systems entsteht dadurch, dass das es aus vielen Elementen oder Komponenten besteht, die voneinander abhängig sind, miteinander mal loser, mal enger verwoben sein können und in Wechselwirkung treten. Gleichzeitig aber sind es so viele Elemente, dass sie gar nicht alle zu jeder Zeit miteinander verbunden sein können.

Wenn ich zu einem Thema mit besonderer Komplexität arbeite, stelle ich es mir deswegen häufig wie meine Familie vor: Wir sind über 40 Menschen, zwischen einem und 81 Jahre alt, wir kennen uns und hegen Gefühle füreinander, die zwischen Liebe, Ehrfurcht, Neid und Ablehnung schwanken können. Wir sind miteinander mal loser, mal enger verbunden. Die Entscheidung eines Individuums (Scheidung, Umzug, ein Pay-TV-Abo) kann viele andere Menschen beeinflussen. Gleichzeitig bin ich nicht zu jeder Zeit mit jedem Familienmitglied verbunden. Manche meiner Cousinen habe ich seit Jahren nicht gesehen, ihr Leben hat keinen direkten und kaum indirekten Einfluss auf meines. Bei Themen, an denen ich arbeite, stelle ich mir deswegen die Frage: Wer kennt wen? Wer mag wen? Wer ist der coole Onkel und wer die nervige kleine Schwester, die alles durcheinanderbringt? Auf diese Weise erkenne ich die Elemente eines Systems und ihre Beziehungen zueinander leichter.

Das erste Projekt beim Kontext, bei dem ich mitarbeiten durfte, beschäftigte sich mit der Digitalisierung in Afrika. Afrika, das sind 55 Staaten (wenn man die Westsahara anerkennt, was u. a. politisch gesehen ein Minenfeld ist). 55! Digitalisierung beinhaltet Fragen der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Infrastruktur, der Kultur(en), der Geschichte, der Philosophie. Und dann kommen auch noch globale Einflüsse hinzu. Ein Superkomplex, der sich anfühlte wie eine Patchwork-Familie, gegen die “Modern Family” übersichtlich erscheint. Was haben wir uns dabei nur gedacht?

Lass weg

Unser Team hat aus vielen Projekten gelernt, dass wir Komplexität bis zu einem gewissen Grad reduzieren können. Ein wichtiger Schritt, den Journalist*innen, aber auch Menschen in der PR, dabei gehen, ist die Nachrichtenauswahl. Informationen, die im Zusammenhang mit dem Hauptthema nicht wichtig sind, werden weggelassen. Informationen, die wichtig sind, aber weniger wichtig oder überraschend als andere, werden aussortiert. Wir entscheiden, was Sie, die Lesenden, von uns gezeigt bekommen. Wie Goldschürfer sieben wir die großen glänzenden Brocken heraus. So haben wir uns zum Beispiel dagegen entschieden, über die Rolle des Internets in der ägyptischen Politik der letzten zehn Jahre zu schreiben, dafür aber thematisieren wir, dass in manchen Ländern, wie Äthiopien, Ägypten und Gabun, das Internet phasenweise von den Regierungen ausgeschaltet wurde.

Auch Wortwahl und der Ausdruck sind eine Möglichkeit Komplexität zu reduzieren, zumindest auf der sprachlichen Ebene. Beim Kontext zwingen wir uns dazu durch knappe Texte. Gleichzeitig versuchen wir, auf schwierige Satzkonstruktionen zu verzichten und ebenso auf Fremdwörter. Mitunter kann das schwierig werden, besonders wenn wir wiedergeben, was Expert*innen uns erklärt haben.

Trotzdem weigern wir uns, die absolute Komplexitätsreduzierung in der Sprache bei uns umzusetzen. Einige andere Medien gehen diesen Weg –und emotionalisieren die Debatte dadurch. Der Diesel-Skandal ist ein Beispiel dafür. “Skandal”, und schon schreien wir Leser*innen in unseren Köpfen auf, empören uns und stürzen uns auf das Thema, das uns – abhängig von unserer eigenen Position – entweder Gesundheit und die letzte Chance auf ein gesundes Klima oder aber unser Auto wegnehmen will. Das birgt Gefahren. Denn Begriffe wie “Diesel-Skandal” aber auch “Fake News” sind dehnbar, geben uns Platz für unsere eigenen Vorstellungen und Ideen. Was Donald Trump und “Breitbart” als Fake News bezeichnet, ist das absolute Gegenteil von Fake News der seriösen Medien. Beide Begriffe rauben dem, was sie eigentlich beschreiben wollen, die Komplexität, schenken uns Lesenden dafür aber eine ganze Menge an Emotionen, die weder das Verständnis für den Komplex, noch die Kommunikation miteinander erleichtern.

Komplexität lieben

Wir müssen uns dem stellen, was Luhmann schon 1984, also vor 35 Jahren, festgestellt hat: “Nur Komplexität kann Komplexität reduzieren.” Das klingt seltsam? Ist es aber gar nicht. “Komplexität” kommt vom Lateinischen “complexus” und bedeutet so viel wie Umarmung. Darin liegt auch die Lösung im Umgang mit Komplexität. Medien müssen versuchen, die Komplexität eines Themas und die Leser*innen zu einer großen, innigen Gruppenumarmung zu motivieren.

Dazu braucht es zweierlei: Das Thema muss auf das Publikum attraktiv wirken und Lust machen, sich damit zu beschäftigen. Und das Thema braucht genügend Platz, um sich zu entfalten zu können.

Die Kommunikationswissenschaftler*innen Armin Scholl und Wiebke Loosen vertreten die Ansicht, dass komplexe Systeme nicht linear dargestellt werden können. Das Nicht-Lineare, die Verbindungen zwischen den einzelnen Elementen, stellt die Ordnung eines Systems dar. Doch Print-Produkte wie Bücher und Zeitungen funktionieren überwiegend linear. Zwar gibt es das Inhaltsverzeichnis und unter Kommentaren häufig einen Hinweis auf die Nachricht, die auf einer anderen Seite in der Zeitung zu finden ist, doch verknüpft waren die Inhalte bis vor wenigen Jahrzehnten nicht wirklich. Wer nachsehen wollte, was die Regionalzeitung zum gleichen Thema vor einem Jahr geschrieben hat, musste ins Archiv. Das Internet hat das geändert.

Das Internet – allen voran der Hypertext – liebt Komplexität. Seit Jahren finden wir in Online-Artikeln unterstrichene Wörter, die wir anklicken und die uns dann auf beinahe wundersame Weise zu anderen Beiträgen und Websites, zu Videos und Beispielen weiterleiten, die genauer ausführen, was im ursprünglichen Artikel keinen Platz mehr findet. Links bereichern uns als Lesende. Und sie bereichern uns als Medienmacher*innen. Denn sie steigern die Glaubwürdigkeit unserer Beiträge, erleichtern uns die Beweisführung, indem sie zu unseren Quellen führen. Und sie ermöglichen uns, unser Publikum auf das hinzuweisen, das den Rahmen sprengt: die weiteren Elemente aus einem komplexen Themenbereich. Bei uns im Kontext sind diese anderen Beiträge (außer im Blog) nicht innerhalb des Textes verlinkt. Stattdessen geben wir unter den kurzen Popups verlinkte Lesetipps. Dabei geht es nicht darum, die eigene Marke zu stärken, indem man den Lesenden entgegenbrüllt: “Schaut mal, was wir noch dazu geschrieben haben!” Vielmehr fragen wir uns: Welcher Artikel, welche Videoreportage, welche Podcast-Folge führt unser Publikum noch tiefer in diese spannende Welt? Und empfehlen dann vertrauenswürdige Kolleg*innen.

Auf diese Weise geben wir Themen Platz und Freiheit, damit sie sie selbst sein können. Wie die einzelnen Elemente miteinander verbunden sind, welche Ordnung also hinter dem Themen-System steckt, sieht unser Publikum anhand der Grafik. Mit der Mindmap “zeichnen” wir die Komplexität der Digitalisierung in Afrika. Verbinden Medienunternehmen mit der Wirtschaft und gleichzeitig mit der Kultur, Datenschutz mit Gesellschaft und Politik. Je tiefer Lesende sich durch die Ebenen im Netz aus Verbindungen klicken, desto klarer wird ihre Struktur. Gleichzeitig können sie sich immer dagegen entscheiden, noch einen Meter tiefer hinabzutauchen auf den Grund des Themenbodens – ohne dabei einzelne Absätze innerhalb eines Artikels überspringen zu müssen und damit vielleicht wertvolle Informationen zu verpassen, die den Artikel zusammenhalten. Fear of Missing Out kommt so nicht auf. Sie können einfach aus- und an einem anderen Tag eine Ebene tiefer wieder einsteigen. Die Inhalte liegen bereit und warten auf Sie.

Grafische Mittel sind eine wundervolle Lösung, um Komplexität attraktiv aufzubereiten. Macht es Sinn, Leser*innen eine Tabelle mit Zahlen zu zeigen und damit allein zu lassen? Mit Julia haben wir eine Expertin im Team, die uns genau diese Frage beantwortet und hilft: Sie erstellt unsere Infografiken und Grafiken. Dadurch sieht unser Publikum sofort, wie viele Menschen in Zambia freies, semi-freies oder unfreies Internet nutzen können – auch im Vergleich zu anderen Staaten. Die Komplexität der Daten wird also von den Leser*innen weggenommen und übergeben an Julia. Mit Farb-Codes macht sie uns verständlich, in welchem Land Internet-Inhalte besonders stark der Zensur unterliegen, mit Pfeilen und stilisierten Zeichnungen erklären Grafiker*innen sie uns die Welt. Wenn Sie an den Wasserkreislauf denken, kommt Ihnen da nicht auch sofort eine Grafik aus dem Biologieunterricht in den Sinn?

Neben all dem gibt es noch viele weitere Mittel, Komplexität zu verlagern und dabei dennoch angemessen darzustellen. Podcasts, oder in unserem Fall kleine Audio- oder Video-Dateien, in denen Expert*innen zu Wort kommen, interaktive Timelines. Crossmedia und Transmedia bieten enorme Möglichkeiten, ebenso wie Digital Storytelling. Doch manchmal geraten Medienmacher*innen an ihre Grenzen. Wenn wir keinen Artikel finden, der erklärt, wer zu den Gewinnern der Digitalisierung gehört und den wir gleichzeitig für gut genug halten, um ihn mit Ihnen zu teilen, wenn wir Zusammenhänge erklären wollen, die man nicht in Popups voneinander trennen kann, wenn wir einer langen Argumentationskette folgen müssen, dann umarmen wir die Komplexität noch fester und greifen auf etwas zurück, das sich für einen spezifischen Aspekt, für einen klar abgegrenzten Bereich, bewährt hat  – wir schreiben einen Artikel.


Titelbild von: Mr Cup / Fabien Barral on Unsplash